Der Sozialstaat als Giesskanne
Niemand hat bis heute eine nicht nur verständliche, sondern auch wahrheitsgetreue Definition des Wortes „sozial“ und seines kleinen Bruders „gerecht“ gefunden. So kann man konstatieren, daß kein Wort in der deutschen Politik mächtiger ist, als dieses kleine Adjektiv. Dies wird dadurch bewiesen, dass jede dritte Mark, die in Deutschland erwirtschaftet wird, in irgendwelchen sozialen Kassen verschwindet.Deswegen reicht der Verdienst, das Einkommen des Ernährers der Familie nicht mehr aus, wie früher. Deswegen müssen jetzt (und dies ist schon lange so, so dass sich niemand mehr daran erinnert, wie das früher funktionierte) die Hausfrauen und Mütter mitarbeiten. Nicht um die Familie zu ernähren, nein dies nicht, sondern in praxi um den Sozialstaat mit seinen Metastasen zu ernähren und zu tragen.
Ein Ende dieser erschreckenden Entwicklung, die letztendlich einer Teilenteignung der gesamten arbeitenden Bevölkerung gleichkommt, und den familiären Zusammenhang erodiert hat, kann nicht geortet werden, solange immer neue Vereine und Interessenverbände, angeführt von Daseinsversorgern aus allen Parteien, sich immer neue Vergünstigungen erjammern.
Es gibt niemanden mehr in Deutschland, egal ob arm, ob reich, der bei Ausnutzung seiner „sozialen Möglichkeiten“ nicht Anspruch auf irgendeine „Hilfe“ des Gießkannensystems Sozialstaat hätte.
Die Idee, daß minderbemittelte Kranke und Erwerbsunfähige Anspruch auf staatliche Hilfe haben, ist alt und eine Erfindung meines Urgroßvaters, Staatsminister von Boetticher, und ging ein in die Bismarck´sche Sozialpolitik. Das aber, was zunächst als Fürsorge und Nächstenliebe für echte Anspruchsberechtigte gedacht war, wurde ein Ungeheuer, dessen Tentakeln jeden erfassen, der im „Sozialstaat Deutschland“ lebt.
Jeder, von dem auch nur vermutet wird, daß er gegenüber einem anderen benachteiligt ist, hängt am Tropf der Sozialadministration und findet sich in irgendeinem besonderen Gesetz wieder.


Der Sozialstaat sorgt für die Ausbildung, Kinderbetreuung, Wohnraum, Freizeitgestaltung, Vermögensbildung. Er sorgt für verbilligte Opernbillets, für Sprachreisen in die Toskana, für Eheberatung, für Seniorenkreuzfahrten, für Kindergeld für arm und reich, er sorgt für Mieter und Vermieter, Bauherren und solche, die es werden wollen, für benachteiligte Frauen aller Art, egal ob sie den falschen Hochschulabschluß haben, schwanger sind, es werden wollen, oder nicht mehr sein wollen. Er sorgt für Hilfsmittel, damit man Kinder bekommen kann, sowie dafür, daß man keine kriegt. Er sorgt für den neuen Stand der Ehe der Gleichgeschlechtlichen, wie für diejenigen, die die altmodische Art zusammenzuleben bevorzugen. Es gibt niemanden, dem der Sozialstaat nicht die Offerte macht, ihn unter seine Fittiche der immerwährenden Versorgung zu nehmen, wobei das Sozialste an dem geschilderten Selbstmordmodell ist, daß arm und reich, alt und jung, geboren oder ungeboren, sozial betreut werden.
Der Sozialstaat ist zutiefst ungerecht, weil er seine Leistungen willkürlich und nicht selten an den gerechten Ansprüchen Bedürftiger vorbei verstreut. Und dies wird ihn über kurz oder lang ruinieren, wobei ich das kürzere Modell favorisiere.
Die natürliche Vision und Empfindung jedes gerecht und damit sozial denkenden Menschen ist im Modell Deutschland verloren gegangen.
Politik und soziales Denken wird von den agierenden Politikern nur noch von den Bemühungen beherrscht, die nächste Wahl wieder zu gewinnen und in der Zwischenzeit den Status quo für Partei und ego zu verteidigen.
Alle Versuche des Kommunismus und des Kapitalismus mit der freien Verfügbarkeit der Produktionsmittel scheiterten. Aber die Existenz des Sozialstaates hat es geschafft, nunmehr auch die ehemalige freie Verfügbarkeit des eigenen Einkommens abzuschaffen. Die Illusionen des Sozialstaates sind den Politikern bekannt. Sie über Bord zu werfen wäre Voraussetzung für einen neuen Anfang. Dies bedeutete nicht unbedingt Blut, jedoch viel Schweiß und Tränen.
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